Ein europäisches Sommermärchen

Fünf Tage lang herrschte in der Thüringischen Stadt Gotha Ausnahmezustand. Die Residenzstadt war Gastgeber der 50. Europeade und somit Herberge für 5000 Teilnehmer aus sechsundzwanzig verschiedenen Nationen Europas. Auch der Volkstanzkreis Winsen reiste mit zweiundzwanzig Tänzern und zwei Musikern an, um ein Stück Elbmarsch in das bunte Treiben aus Trachten, Tanz und Musik einzubringen.

Am 17. Juli bezogen wir Winsener unsere Schlafplätze in einer Turnhalle mit zwei Gruppen aus Hessen und einer Gruppe aus Belgien. Schon beim Herrichten der Schlafplätze deutete sich an, wie die nächsten Tage und vor allem Nächte aussehen würden: Viel Livemusik, viel Tanz und wenig Schlaf.

Nicht nur in der Turnhalle, auch in der Innenstadt wurden wir an der Bühne am Hauptmarkt mit Volksmusik begrüßt und zum Tanzen und mitmachen aufgefordert. Die Nähe der verschiedenen Schlafplätze zum Stadtzentrum und das perfekte Sommerwetter sorgten dafür, dass sich Teilnehmer und Besucher allabendlich bis spät in die Nacht gemeinsam zum Feiern trafen. Neben der Hauptbühne der Europeade gab es in der Stadt verteilt viele kleinere Bühnen, auf denen die Tänzer verschiedenste Darbietungen aus ihre Ländern zeigten. Eine Besonderheit der Europeade in Gotha waren eine weitere große Bühne mit Programm und viele Verkaufsstände für das leibliche Wohl, die durch den Sponsoren Oettinger organisiert wurden.

Das Frühstück wurde von ehrenamtlichen Helfern aufgebaut, welche aufmerksam und gastfreundlich wie alle Unterstützer des Festes waren. Das fröhliche Miteinander, Gastfreundschaft und Völkerverständigung standen klar im Vordergrund. Am Donnerstagabend, den 18. Juli, wurde die Europeade im Gothaer Volksparkstadion feierlich eröffnet. Auch der Volkstanzkreis Winsen zeigte gemeinsam mit anderen Niedersächsischen Gruppen ein extra für die Europeade einstudiertes Potpourri norddeutscher Tänze, welches gekrönt wurde von einer Hebefigur. Nachdem das tänzerische Feuerwerk zu Ende war, wurde das 50. Jubiläum der Europeade durch ein spektakuläres, zehnminütiges Feuerwerk am Himmel gefeiert. Dieser Auftakt war ein Vorbote der folgenden Tage, die neben den Mitwirkenden auch über 120000 Besucher miterlebten und zu einem unvergesslichen Festival machten.

Am Freitag hatten wir Winsener unseren freien Tag, den wir für einen Ausflug zur Wartburg nutzten, wo wir auch viele andere Europeade-Gruppen trafen. Dort nahmen wir an einer unterhaltsamen Führung teil, welche auch den mitgereisten acht Jugendlichen gefiel. Nach dem Kulturprogramm machten wir ein Picknick mit den Lunchpaketen, die neben dem Frühstück und einer warmen Mahlzeit am Tag, zur Versorgung der Teilnehmer verteilt wurden. Mitten im Thüringer Wald ließ es sich bei den sommerlichen Temperaturen gut aushalten, so dass sich einige Mitglieder noch zu einer Wanderung in der Drachenschlucht entschlossen. Abends lud das Bühnenprogramm der Oettinger-Bühne zum Feiern mit Antenne Thüringen ein, während auf der Hauptbühne irische Lifemusik erklang.

Der Samstag begann für uns mit einem Auftritt, der von viel Publikum mit Beifall honoriert wurde. Beim Mittagessen spielten verschiedene Musiker und einige Gruppen tanzten spontan im großen Essenszelt. So ließ sich die Warte zeit bis zur großen Parade am Nachmittag gut überbrücken. Der große Festumzug zog sich wie ein kunterbunter Wurm durch die Straßen, gesäumt von über 30000 Zuschauern. Doch selbst nach dem einstündigen Marsch durch Gotha waren wir noch nicht müde und zogen abends wieder zur Hauptbühne um auf dem großen Europeade Ball zu singen und tanzen. Aufgrund der guten Stimmung schaffte es der Oberbürgermeister Knut Kreuch, welcher als Landesvorsitzender des Thüringer Trachtenverbandes die Europeade nach Gotha geholt hatte, die offizielle Zeit der Veranstaltung von 1 Uhr um eine halbe Stunde zu verlängern. Obwohl danach an keinem der Abende wirklich Schluss war und oftmals noch bis 4 Uhr früh musiziert wurde, gab es keinerlei Beschwerden von Anwohnern.

Beim Frühstück am Sonntag wurde so mancher schon wehmütig, da das bunte Treiben am Abend schon zu Ende ging. Auch wenn das Essen mal nicht zu aller Zufriedenheit ausfiel und ein Schnarchkonzert jeden Abend in der Turnhalle wartete, so waren sich doch alle Winsener einig, dass die 50. Europeade unvergessen sein wird. Nach dem großen Gottesdienst auf dem Hauptmarkt ging es zu einem letzten gemeinsamen Mittagessen an der Stadthalle Gothas. Der Sonntag machte seinem Namen alle Ehre und die Sonne heizte allen ordentlich ein. Den Tänzern und Musikern der Abschlussveranstaltung im unbeschatteten Stadion gebührte nicht nur für ihre Performance Applaus, sondern vor allem auch,  weil sie in ihren Trachten der Hitze standhielten. Den Schluss bildete die feierliche Übergabe der Europeade Fahne an die Ausrichter der kommenden Europeade, den Vertretern der Stadt Kielce in Polen. Doch den eigentlichen Schluss bildet das Treffen aller Teilnehmer in der Mitte des Stadions, wo sich alle zu Polonaisen oder Kreisen zusammenschlossen und sich zur Popmusik der Dorfkapelle Oberbauerschaft feierten.

In vielen Berichten zur Europeade wurde ein Vergleich zur Olympiade gezogen, doch im Gegensatz zur Olympiade geht es nicht um Platzierungen und Wettkämpfe, sondern einfach um das Miteinander Musizieren und Tanzen. So ist es auch kein Wunder, dass am Abend, während Bühnen und Buden abgebaut werden, in der Stadt immer noch Musiker und Tänzer zusammentreffen und ein letztes Mal dem gemeinsamen Hobby nachgehen, welches auch jegliche Sprachbarrieren überbrückt. Denn beim Tanzen braucht man keine Worte. So fuhren wir am Montag mit Musik in den Ohren und neuen Tänzen in den Füßen wieder nach Winsen.

 

Melanie Hacker