Schon im vergangenen November begannen unsere Planungen für die Fahrt zur 46. Europeade, die vom 22.-26. Juli in Klaipeda (Litauen) stattfand. Es musste geklärt werden, wer mitkommt, Kleinbusse gemietet und Plätze auf der Fähre von Kiel nach Klaipeda gebucht werden. Wir haben uns diesmal für die Fähre entschieden, da viele noch die strapaziöse Busfahrt über die holprigen Pisten in Polen zur Europeade 2004 in Riga im Gedächtnis hatten.

Bereits im Januar war die Planung zum größten Teil abgeschlossen, die Anmeldung verschickt. Das hieß für uns also erst mal hoffen, angenommen zu werden, denn die Plätze sind begrenzt. Die Europeade ist eines der größten Europäischen Folklore Festivals und wird jedes Jahr von einer anderen europäischen Stadt ausgerichtet, in diesem Jahr von Klaipeda.

Nach drei Monaten kam unsere Zusage mit einer Teilnehmerliste aller Gruppen per Post. Insgesamt 4000 Teilnehmer aus ganz Europa wurden aufgenommen. Aus Deutschland nahmen 18 Gruppen an der Europeade teil. Davon sechs aus Niedersachsen: Die Trachtengruppe Salder aus Salzgitter, de Rowoler Danzlüt aus Rodewald, die Volkstanzgruppe Saterland und wir, der Volkstanzkreis Winsen waren auch mit von der Partie. Unterstützt wurden wir von den Tänzern und Tänzerinnen aus Hollenstedt und Marschacht. Voraussetzung für eine Aufnahme bei der Europeade sind Live-Musiker. Daher gilt auch der größte Dank Ben und Dominik Zimmermann, die uns mit Akkordeon und Flöte musikalisch begleitet haben.

Die Reise nach Litauen wollten wir 22 Tänzerinnen, Tänzer und Musiker im Alter von 13 bis 76 Jahren mit einem Privat PKW und zwei Neunerbussen von einer Hamburger Autovermietung antreten. Zwei Wochen vorher erfuhren wir allerdings eher zufällig, dass eben diese Autovermietung Insolvenz angemeldet hatte. Ein Problem? Anfänglich ja, denn nur sehr wenige Vermietungen erlauben eine Reise nach Osteuropa und außerdem braucht ein Tänzer für eine Woche Ausfahrt ein wenig mehr Gepäck als ein „normaler“ Urlauber. Tracht, Musikinstrumente und Zubehör sind nicht gerade platzsparend, also muss ein Kleinbus für uns einen riesigen Kofferraum haben. Nach einigem Hin und her war dann eine passende Lösung gefunden: Wir durften das alte Citymobil der Stadt Winsen mitnehmen. Dafür ein riesengroßes Dankeschön an die Stadtjugendpflege, denn dieser Bus wurde eigentlich für das Ferienprogramm benötigt. Einen weiteren Kleinbus bekamen wir von einer Autovermietung aus Bergedorf, die uns eine Sondergenehmigung für die Fahrt nach Litauen erteilte. Um unser Gepäckproblem zu lösen, durften wir den Anhänger von Familie Patzig nutzen.
Am Dienstag, den 21. Juli ging es dann endlich los. Nach kurzer Fahrt von Winsen nach Kiel und etwas Wartezeit vor dem Check-In legte unsere Fähre pünktlich um 16 Uhr ab. Nun suchten wir uns ein paar Tische auf dem Sonnendeck und machten ein gemeinsames Picknick, zu dem jeder etwas mitgebracht hatte. Zum Essen hatten wir sogar eine musikalische Untermalung, da bereits einige Musiker ihre Instrumente ausgepackt hatten und zum Tanz aufspielten. Wir durften feststellen, dass die meisten der Passagiere ebenfalls Volkstänzer waren. Also wurden die 22 Stunden Überfahrt für langes gemeinschaftliches Tanzen genutzt.

Am Mittwoch erreichten wir die Litauische Küste gegen Mittag. Schon vom Schiff aus konnte man die kilometerlangen weißen Sandstrände und die Dünenlandschaft der Kurischen Nehrung bewundern.

Bei der offiziellen Anmeldung wurden wir auch schon von unserem Betreuer Vytas begrüßt. Auf der Europeade wird jede teilnehmende Gruppe von einem freiwilligen Ortskundigem betreut. Anschließend sind wir zu unserer Unterkunft gefahren, ein Gymnasium direkt im Zentrum. Den Anspruch an sich selber, eine Europeade der kurzen Wege, hat Klaipeda sehr gut umgesetzt. Wenn der Weg doch mal zu weit war, konnte man als Teilnehmer kostenlos die Stadtbusse nutzen.

Zum Schlafen standen uns zwei Klassenräume und der davor liegende Flur zur Verfügung. Die Fahrzeuge durften wir im Innenhof parken, der nachts durch ein Eisentor verschlossen und von Sicherheitsleuten bewacht wurde. Am Abend fand noch eine Generalprobe mit allen Niedersächsischen Gruppen für den Auftritt bei der Eröffnungsveranstaltung statt, bevor wir zum gemeinsamen Abendessen in einem Festzelt auf dem Gelände der Universität LCC fuhren.

Der Donnerstag war dann unser großer Tag: Wir hatten zwei 30 Minuten Auftritte in der sonnigen Innenstadt, die uns sogar in eine Litauische Zeitung gebracht haben und am Abend dann noch unsere Vorstellung auf der Eröffnungsveranstaltung im Summerstage Stadion. Hier haben wir zusammen mit allen niedersächsischen Gruppen den anderen Teilnehmern, Offiziellen und den begeisterten Einwohnern Klaipedas ein buntes Programm aus regionalen Tänzen gezeigt. Jede Gruppe hatte die Möglichkeit sich und ihre Region in einem dreiminütigen Auftritt auf der Eröffnungs – oder Abschlussveranstaltung zu präsentieren.

Unseren freien Tag konnten wir am Freitag genießen. Wir verbrachten ihn auf der Kurischen Nehrung, einer Halbinsel vor Klaipeda. Unser Betreuer zeigte uns einen Hexenberg, der dem deutschen Blocksberg nahe kommt. Hier gab es viele Holzskulpturen zu bewundern, zu denen wir spannende Geschichten und Legenden von Vytas erfuhren. Außerdem konnten wir auf der Nehrung eine der größten natürlichen Wanderdünen Europas erklimmen. Sie hat eine Höhe von 60m und wandert im Jahr bis zu 15m. Im Laufe der Zeit hat sie zwei Dörfer und deren Bewohner unter sich begraben. Ein beklemmendes Gefühl. Einige haben sich noch ein Kormoranreservat angeschaut, andere haben den Strand und die meterhohen Wellen genossen.

Am Samstag stand der große Trachtenumzug mit allen 166 teilnehmenden Gruppen auf dem Programm. Bei strahlendem Sonnenschein konnten wir viele begeisterte Klaipedaner erfreuen, die nach eigener Berichterstattung seit der Befreiung 1989 nicht mehr so viele Menschen in der Stadt begrüßen durften. Im Anschluss fand der Europeadeball auf dem Theaterplatz am Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau statt, für den eigens die Sperrstunde für die Restaurants aufgehoben wurde. Hier wurde bis weit nach Mitternacht gemeinsam getanzt, musiziert und gefeiert.

Der Sonntagmorgen wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Marienkirche eingeläutet. Am Nachmittag genossen wir die Abschlussveranstaltung im Stadion bei wunderschönem Sonnenschein. Nachdem der offizielle Teil zu Ende war, stürmten viele Tänzerinnen und Tänzer die Tanzfläche und es wurde noch eine ganze Weile miteinander getanzt.

Nach dem Dinner feierten wir noch Abschied mit allen Gruppen, die mit uns in der Schule untergebracht waren. Wir durften auch auf der 8. Europeade, an der der Volkstanzkreis Winsen teilnahm, wieder feststellen, dass Volkstanz Nationen verbindet, so dass wir jeden Abend mit Schotten, Grönländern, Spaniern, Italienern und Griechen tanzten, musizierten, sangen oder auch einfach mal nur nett zusammen saßen.

Am Montagmorgen erfuhren wir von Vytas, dass er selbst in einer Litauischen Volkstanzgruppe tanzt. Er zeigte uns einige einfache traditionelle Tänze, die verschiedene Geschichten erzählten. Mittags ging es dann auch leider schon wieder nach Hause und wer glaubt, dass Volkstänzer nach einer Woche vollem Programm genug vom Tanzen haben, den müssen wir enttäuschen, denn es standen wieder 22 Stunden Fährfahrt an und die gehen beim Tanzen viel schneller vorbei.

Als wir am Dienstagnachmittag wieder in Winsen eintrafen, trennten wir uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Glücklich, weil wir endlich wieder die eigene Dusche und das eigene Bett benutzen durften, traurig, weil wir viele der neugewonnenen Freunde frühestens auf der 47. Europeade in Bozen (Südtirol) wiedersehen werden. Es war eine sehr harmonische Fahrt, mit vielen positiven Eindrücken, die wieder einmal viel zu schnell vorbei war.

In Litauen haben wir gelernt, mit welcher Ruhe und Gelassenheit man sämtlichen Stresssituationen begegnen kann. Ein bisschen mehr von dieser Einstellung würde auch in Deutschland vieles erleichtern.

 

Von Sandra Schröder