Riga? Europeade? Das ist ja noch drei Monate hin, mal sehen, was da auf uns zu kommt...

In zwei Wochen soll es losgehen, ich kann es noch nicht wirklich fassen... Morgen geht´s los, habe ich auch alle Sachen eingepackt? Nichts vergessen? Je später der Abend, desto größer die Aufregung. Nach unruhigem Schlaffanden wir uns am 20. Juli um 7.45 Uhr morgens mit 32 Personen an unserem Treffpunkt in Winsen ein.

Jetzt war es also so weit: „Wir fahren nach Riga!“So viel Gepäck, wie sollten wir das alles mitbekommen? Wir wollten doch nur eine Woche weg.

Doch als wir den Bus von World-VIP-Reisen dann endlich kommen sahen, verflogen unsere Bedenken, 15 Meter lang, 3,80 Meter hoch und fünf Sterne Sitzabstand. Schnell war das Gepäck eingeladen und die besten Sitzplätze im Bus besetzt. Bei 30 Stunden Busfahrt braucht man ja einen Tisch um Skat zu spielen. Wer noch nicht ausgeschlafen hatte, legte sich einfach noch mal aufs Ohr, ja du hast richtig gelesen. Die Hälfte der Sitze ließen sich zu komfortablen Liegen umbauen, so dass das Schlafen während der Fahrt kein Problem darstellte. Um 8.30 Uhr konnten wir dann endlich losfahren.

Zur Frühstückspause wurden wir dann von unseren beiden Gästen aus Hüllhorst mit belegten Broten und Kuchen überrascht. Aufregung macht hungrig, so dass wir schnell aufaßen und weiterfahren konnten. Um 13.30 Uhr hatten wir Frankfurt / Oder erreicht. Hier verabschiedete sich unser Busfahrer Thorsten von uns. Daniel und Manfred stiegen ein, um uns auf unserer weiteren Fahrt zu begleiten. Das Busunternehmen hatte hier sogar einen Mechaniker, der den Bus noch einmal untersuchte. Auf Sicherheit wird also bei einigen Busunternehmen doch noch viel Wert gelegt. Dann konnten wir auch schon schnell weiterfahren, nur noch 20 Kilometer bis zur polnischen Grenze.
Wie lange müssen wir da wohl warten? Was bringt uns die Zusicherung des Polnischen Botschafters für eine schnelle Abfertigung? Wir standen keine zehn Minuten an der Grenze, einmal Ausweise zeigen und weiterfahren. Doch kaum waren wir über die Grenze, war es vorbei mit dem Luxus der heimischen Autobahnen. Autobahnen in Polen sind schon mal einspurig, und wenn ein Zug kommt, wird der „Autobahnverkehr eben mit einer Ampel für 15 Minuten angehalten. Weiter geht´s, mit 70 Kmh, mehr ist nicht erlaubt. Es wäre bei all den Schlaglöchern und Baustellen aber auch nicht möglich, schneller zu fahren. Die ganze Nacht noch fuhren wir durch Polen. Nach und nach schafften es fast alle einzuschlafen, nur wenige waren des Feierns nicht müde. Erst am nächsten Morgen erreichten wir Litauen, ab jetzt sollten es nur noch fünf Stunden bis Riga sein. Die Grenzabfertigung ging schnell und ab jetzt kamen wir auch viel schneller voran. Es gab wieder vernünftige Straßen. Auch die Grenze nach Lettland stellte kein Hindernis mehr dar. Ab der Grenze dauerte es noch eineinhalb Stunden bis wir Riga erreichten. Alle waren erschöpft aber glücklich, endlich angekommen zu sein.

Am Stadion holten wir unseren Betreuer ab. Victor sollte uns die nächsten Tage in Riga begleiten. Jetzt nur noch schnell zur Unterkunft und erst mal ne Stunde hinlegen. Doch der Schock musste erst mal verdaut werden, unsere Unterkunft, ein Studentenwohnheim war wohl schon etwas länger nicht mehr renoviert worden. Zum Teil waren die Fenster kaputt, in einem anderen Zimmer kamen die Tapeten von den Wänden und von einigen Sanitäranlagen möchte ich gar nicht erzählen. Jeweils drei Betten standen in einem ca. 20 Quadratmeter großen Zimmer. Zudem waren wir etwa sieben Kilometer vom Zentrum entfernt. Na ja, wir sollten dort ja nur übernachten und nicht den ganzen Tag verbringen. Und schnell waren auch moderne Sanitäranlagen gefunden. Jetzt erst realisiert man, wie gut wir es doch eigentlich zu Hause haben. Wir blieben dort nur fünf Nächte, lettische Studenten verbringen dort mehrere Semester.

Als alle Zimmer bezogen waren, holte uns auch schon unser Bus zum Abendessen im Skontokomplex ab. Danach ging es zum Lettischen Volkskulturkonzert in der Kongresshalle. Als wir ankamen, war der Saal schon gut gefüllt, aber vereinzelt ließen sich noch Plätze finden. Wer keinen Platz mehr bekam, ging auf den großen Platz vor der Halle, dort war eine große Leinwand aufgebaut. Bis 23 Uhr bekamen wir ein Programm aus Tanz, Musik und Theater geboten. Wenn man jetzt noch lettisch verstehen würde… Danach alle einsammeln und mit dem Bus zurück zur Unterkunft. Am Donnerstag sollte es früh losgehen. Um acht Uhr holte der Bus uns zum Frühstück ab. Danach mussten wir uns auch beeilen, denn um zehn Uhr hatten wir unseren ersten Auftritt am Freiheitsmonument. Dort wartete eine Überraschung auf uns. Anna, Heidi, Markus und Thomas von unserer befreundeten Tanzgruppe Föreningen Brage aus Helsinki waren als Zuschauer zur Europeade gekommen. Und sie hatten uns schon am ersten Tag in einer 750.000-Einwohner-Stadt gefunden.

Eine halbe Stunde boten wir ein gemischtes Programm mit vielen norddeutschen aber auch internationalen Tänzen. Begleitet von vier Musikern mit Akkordeons, Flöte und Gitarre. Zum Glück hatten wir Neles Freundin Irina mitgenommen, sie spricht perfekt Russisch, so dass sie Lothar dolmetschte, als dieser vom Ersten Russischen Fernsehen interviewet wurde. Zum Mittag hatten wir uns Lunchpakete mitgenommen, der Weg zurück zur Essensausgabe wäre zu weit gewesen. Um 15.00 Uhr dann der nächste Auftritt in der Altstadt von Riga. Sozusagen unsere Generalprobe für den Auftritt im Stadion bei der großen Eröffnungsveranstaltung. Die Generalprobe war aber nicht schief gegangen, was sollte kommen?

Nach dem Abendessen suchten wir uns schnell ein paar gute Plätze auf der Tribüne um dem Spektakel zu folgen. Doch sollte das Fest ins Wasser fallen? Es schüttete wie aus Eimern. Doch als hätte der Himmel ein Einsehen, hörte es pünktlich zu Beginn der Veranstaltung auf zu regnen und blieb den ganzen Abend trocken. Den Anfang der Veranstaltung bildeten mehrere Hundert Lettische Volkstänzer. Ein überwältigender Anblick. Am Ende dieser Darbietung wurde das Europeadebanner gehisst. Die Europeade war offiziell eröffnet. Wir hatten ja noch Zeit, da noch ca. 20 Gruppen vor uns tanzen sollten. Dachten wir, ziemlich plötzlich wurden wir von unseren Plätzen gescheucht und mussten zur Aufstellung zum Einmarsch. Die Musiker mussten auf die andere Seite des Stadions zu einer Bühne. Wir tanzten den Kontra Dreitritt mit zwei Kreisen. Normalerweise ist der Tanz sehr lang aber man darf nur drei Minuten tanzen, also tanzten die beiden Kreise verschiedene Touren um den Tanz abzukürzen. Der Tanz klappte reibungslos, aber die Generalprobe war doch nicht schief gegangen? Bei den Musikern schlichen sich aber zwei Pannen ein, die jedoch kaum ein Außenstehender bemerkte. Ein Bassknopf im Akkordeon blieb hängen, was für ein paar Sekunden zu einem Dauerbass führte und Hannah durfte beim Flötespielen eine Mücke beobachten, die sie in die Lippe stach. Als unser Auftritt dann vorbei war, sammelten wir uns am Ausgang des Stadions mit allen Gruppen und warteten die Auftritte der anderen Gruppen ab. Am Ende der Veranstaltung tanzten dann noch einmal alle Tänzer von allen Seiten in Schlangen ins Stadion ein. Als Abschluss gab es noch ein schönes Feuerwerk und gemeinsames Tanzen lettischer Folklore. Nun war alle Anspannung der Erleichterung gewichen. Fröhlich traten wir die Heimfahrt zur Unterkunft an.

Am Freitag hatten wir den ganzen Tag frei, also fuhren wir mit dem Bus nach Jurmala, dem Badeort von Lettland. Kilometerlanger weißer Sandstrand und traumhaftes Wetter. Einige sonnten sich, andere Badeten einfach nur und wieder andere fuhren mit dem Tretboot auf der Ostsee. So ein Tag ohne Tracht ist schon ganz angenehm, besonders wenn es so warm ist. Als wir am späten Nachmittag erstes Gewittergrummeln hörten, packten wir unsere Sachen und gingen zum Bus zurück. Dort angekommen fing es auch schon bald an zu regnen. Wieder so ein gutes Timing, denn wir wollten sowieso zum Abendessen. Wer wollte, ging danach zum lettischen Volksmusikkonzert, der Rest blieb in der Altstadt und besuchte das ein oder andere Restaurant. Für unsere Verhältnisse kann man da sehr preisgünstig etwas essen und trinken. Wie üblich mit mehr oder weniger Verspätung trafen wir danach alle am Bus ein und fuhren zur Unterkunft.

Den Samstagvormittag nutzten wir für ein paar spontane Straßenauftritte in Rigas Altstadt. Besonders der Krüzkönig mit Fliegen rief viel Jubel hervor. Die Rigaer Bürger sind aber auch sehr gute Volkstänzer. Mit Begeisterung tanzten sie den Fröhlichen Kreis mit uns. Nach unseren Auftritten mussten wir schnell wieder zurück zum Skontokomplex. Wir wollten uns noch vor dem großen Festumzug stärken. Außerdem sollte Josi die Brautkrone aufgesetzt werden. Ein sehr langwieriger und aufwendiger Prozess. Doch der Aufwand sollte sich lohnen, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Alexander als Bräutigam und Josi als Braut eines der meistfotografierten Paare des Umzugs waren. An diesem Tag war es besonders heiß und wir suchten uns bei der Aufstellung zum Umzug die schattigsten Plätze. Während des Umzuges tanzten wir gelegentlich die Schwedenpolka. Am Ende der Umzugsstrecke war eine Tribüne aufgebaut, vor der alle Gruppen für die Offiziellen der Europeade und der Stadt Riga tanzen sollten. Auch eine Fernsehübertragung fand hier statt, unsere Busfahrer hatten den Umzug von ihrem Hotel aus im Fernsehen verfolgt. Nach dem Umzug mussten wir uns erst einmal ausruhen und die Beine hochlegen. Als sich alle einigermaßen erholt hatten, suchten wir uns noch einen schönen Platz für ein Gruppenfoto. Eine kleine Kirche erwies sich als richtiger Ort. Von dem Brautpaar durften wir sogar ein Foto in der Kirche vor dem Altar machen, man fühlte sich fast ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als Alexander Josi zum Altar führte.

Nun aber schnell zum Abendessen, bevor der große Andrang kommt. Wir hatten gerade unser Essen auf dem Tisch, da füllte sich der Saal, wer sich jetzt noch anstellte, konnte bis zu zehn Minuten auf sein Essen warten. Nach dem Essen noch schnell ein paar Runden Skat und dann ab ins Stadion zum Europeadeball. Hier erkennt man den unerfahrenen Europeadeteilnehmer: Er geht frühzeitig ins Stadion, um sich einen guten Sitzplatz zu suchen. Dabei sind alle anderen auf der Tanzfläche und tanzen, die Tribüne ist menschenleer. Bis fast drei Uhr nachts tanzten alle europäischen Gruppen miteinander und durcheinander. Viel zu früh war die Veranstaltung zu Ende.

Am Sonntag gab es einige Frühaufsteher, die mit Taxis in die Stadt fuhren um am Gottesdienst in Rigas Dom teilzunehmen. Der größte Teil von uns blieb aber im Quartier um auszuschlafen. Erst um zwölf Uhr brachte uns der Bus zum Mittagessen ins Zentrum. Hier trafen wir dann auch unsere Kirchgänger wieder. Auf einen großen Bogen sollten wir alle unsere Wünsche für Europa und die Welt schreiben. Jetzt schnell noch mal in die Stadt und Postkarten kaufen. Wir hatten unsere restlichen Lunchpakete mitgenommen, und verteilten sie an die Bettler in der Stadt. Teilweise freuten sich diese wie an Weihnachten.
Am Nachmittag fand die große Abschlussveranstaltung im Stadion statt. Am Ende der Veranstaltung stiegen sehr viele Luftballons in den Himmel, daran befestigt unsere Wünsche. Wieder endete die Veranstaltung mit gemeinsamem Tanzen aller Teilnehmer. Um 21.00 Uhr fuhr uns der Bus zum Quartier zurück. Eine tschechische Gruppe feierte dort ihren Abschiedsabend. Wir liefen in unsere Zimmer, packten unsere Koffer und tanzten und musizierten danach mit den Tschechen bis spät in die Nacht hinein.

Am Montag mussten wir schon um sieben Uhr aufstehen und unsere Sachen in den Bus laden. Als alles eingeladen war fuhren wir noch zum Frühstück um kurz danach die Heimreise anzutreten. Recht zügig kamen wir durch Lettland und Litauen an die polnische Grenze. In Polen fuhren die Busfahrer eine zwar längere aber dafür komfortablere Strecke, so dass wir kaum Zeit verloren aber dafür ruhig schlafen konnten. Wer trotzdem nicht schlafen konnte spielte Karten, löste Kreuzworträtsel oder probierte von Hartmuts gutem Marillenlikör. Um ca. acht Uhr morgens erreichten wir die deutsche Grenze und kurz darauf verabschiedeten sich Manfred und Daniel von uns. Ab hier fuhr Thorsten uns wieder sicher nach Winsen, wo wir am Dienstag gegen 13.30 Uhr ankamen.
Viele normale Leute würden sagen: „Jetzt erst mal drei Wochen Volkstanzpause!“ Aber wer ein Winsener Volkstänzer ist, kann nicht normal sein. Wir verabredeten uns für den folgenden Mittwoch um zu tanzen.

Mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen sind wir aus Riga wieder gekommen. Riga ist eine Stadt der Gegensätze. Wo eben noch ein Ferrari stand, steht im nächsten Augenblick ein alter Mann, der am Rande der Existenz lebt. Rigas Innenstadt ist modernisiert und mit vielen Grünanlagen geschmückt, doch die Außenbezirke zeugen von bitterer Armut. Man merkt eben doch, dass die Trennung durch den eisernen Vorhang hier Spuren hinterlassen hat. Wir hoffen, dass wir mit unseren Auftritten den Einwohnern Rigas ein wenig Freude bereiten und Mut machen konnten.Wir jedenfalls waren von der Europeade sehr begeistert und freuen uns schon auf die 42. Europeade in Quimper in der Bretagne. Vielleicht sehen wir uns da?

 

Von Benjamin Zimmermann